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Zumtobel Lichtforum Wien
29. Mai 2010 – 25.Juni 2010

 

Rede zur Eröffnung der Ausstellung

Sehr geehrte Damen und Herren, geschätzte Kolleginnen und Kollegen, liebe Familien und Freunde!

Mir wurde nahe gelegt, in angemessener Kürze darzustellen, wie es eigentlich dazu kam und was das hier möglicherweise sein soll.
Im Spätsommer 2007 hatten Lukas Göbl, Oliver Ulrich und ich sonderbare Lust auf Idealismus. Wir wollten zum einen Lukas’ Kontakte nach Bratislava, wie auch unsere Verbindungen vor Ort nutzen, um eine möglichst umfassende und gleichzeitig authentische Darstellung junger Architekten und Künstler zu zeigen. Naturgemäß hatten wir -wenn überhaupt- nur eine recht eingeschränkte Ahnung, was es schlussendlich bedeuten könnte und würde, eine derartige Veranstaltung nicht nur zu planen, sondern wie in unserem Beruf meist die weit größere Herausforderung: diese auch tatsächlich, und nämlich den hehren Ansprüchen aller Beteiligten entsprechend umzusetzen. In diesem Zusammenhang ist es mir gleich zu Beginn wichtig auf jene Institutionen hinweisen zu dürfen, ohne deren Unterstützung -selbst in recht angespannten Zeiten- wir diese Ausstellungsreihe nicht hätten realisieren können. Unser Dank gilt heute im Besonderen dem niederösterreichischen Architekturnetzwerk ORTE, dem Zumtobel Lichtforum Wien, dem Bundesministerium für Unterricht und Kunst, der Wirtschaftskammer und ihrem Förderprogramm ‚go international’, der Erste Bank und Erste Stiftung, der Universität für angewandte Kunst in Wien und Alpine.
Also zu dem, was es im Idealfalle sein soll: Begriffe wie ‚Architekturutopien’, ‚visionäre und experimentelle Architekturen’ sind vor allem durch die vielfältigen Strömungen des 20. Jahrhunderts stark an sehr spezielle Kultur- und Wirtschaftsformen und weiters an deren bekannte Protagonisten gebunden. Die jeweiligen, schon vorexerzierten Abhängigkeiten stellen für unser Dafürhalten jedoch keine Exklusivität im Sinne einer dauerhaften Patentierung der Begrifflichkeiten dar; vor allem durch den Umstand, dass sich die letztgültigen Architekturutopien der 1960er-Jahre ebenso in etablierten Bereichen zersetzt haben wie die frühen Sozialutopien im historischen Materialismus. Dieser Umstand macht es uns auf keinen Fall leicht, eigene Felder und Grenzen nach tatsächlichen Bedarfsmustern zu definieren und zu beleben. Was aktiv gedacht und geschaffen werden konnte, wurde erledigt, wir sind somit zur Reaktion gezwungen, was eine durchwegs fragwürdige Gnade der Spätgeborenen darstellt und bei all der vermeintlichen Freiheit doch mehr Limitierung und kollektiven Leerlauf innehält, als die hochgerüsteten 3d-Welten glauben machen.
Wir möchten Ihnen hier eine Generation von Architektur- und Kunstschaffenden vorstellen, deren Arbeiten sehr spezifische Kommentare zum oft prolongierten Endstadium der Architekturentwicklung sind. Es handelt sich dabei nicht um Provokationen im Sinne des Hervorrufens größtmöglichen Missfallens oder Verlegenheit, es sind vielmehr räumliche Argumentationen von ‚Privatkühnheiten’ frei nach Georg Büchners ‚Danton’. Wir klagen also an dieser Stelle das Recht auf eigene Gedanken und Gefühle ein, das Recht auf unversehrte und vielleicht sogar naive Individualität, auf persönliche Wünsche und Hoffnungen, auf Lust und Genuss an unserer Arbeit ebenso wie das Recht auf Fehler und Versäumnisse, Enttäuschungen und Niederlagen.
Auf der Suche nach dem tatsächlich aktuellen, nämlich einem Bedarf nach einer räumlichen Artikulation entsprechenden Ausdruck darf man alles, soll alles und letztlich doch das genaue Gegenteil, ohne dass diese Möglichkeit und der liberale Produktionsumstand den geringsten Einfluss auf das Gelingen hätte. Und so sehen sie hier Gegenmodelle ohne fixierte Gegnerschaft in vielfältigen Formen und Farben, Inhalten und Maßstäben, Ambitionen, Materialien und Medien in maximal 1,75 Kubikmeter; Gegenmodelle jedenfalls zum schon etablierten Kulturdiskurs, dessen Ausdruck für unser Dafürhalten zu gestochen und gleichsam bemüht ist, um auch nur in Ansätzen aufrichtig zu sein. Denn selbst die Richtungs- und letztlich Hilflosigkeit bleibt souverän wo sie dem Zeitgeist authentisch gegenübertritt. Schließlich sehen sie hier die disperse Gegenbewegung ohne der absichtlichen Diskontinuierung des Neuen vom Alten, wie Jürgen Habermas formulierte.
Dasselbe ‚Prinzip Hoffnung’ allerdings, das die Kopfarbeiter vergangener Tage zu ihren Sozialutopien und den Versprechen einer möglichen Verbesserung der Anlagen führte, die mit Worten formuliert wurden, führt die hier versammelten Handarbeiter zu einer Zeichnung, zu Modellen, zur Darstellung eines oder mehrerer Prozesse und Raumstadien, was schon im Ansatz sehr wohl mit Architekturutopien im strengen Sinn verbunden ist, die sich wiederum nicht mit Worten formulieren lassen, sondern möglicherweise Ausstellungen wie die diese brauchen, um sich einer hoffentlich interessierten Öffentlichkeit darzustellen.
Zu der in Bratislava gezeigten Ausstellung darf ich heute zwei Neuzugänge, nämlich Christian Eisenberger und Madame Mohr begrüßen, deren Beiträge das Spektrum der Darstellungen sehr bereichern konnten. Und so planen wir auch in der mittelbaren Zukunft, diese Ausstellung an anderen Orten und mit neuen Formulierungen, die allesamt so erfreulich wenig mit der chicen, saturierten Wallpaper-Realität zu tun haben, zur Diskussion zu stellen. Es gibt hier keine Sicherheiten, keine glatten Erklärungsversuche einer schließlich noch unbestimmten Epoche, sondern die Schau der vielfältigen Versuche neue, unverbindliche Grenzen für den Moment festzuhalten, ohne dadurch die Ernsthaftigkeit einer Festlegung und Gültigkeit zu strapazieren. Im Namen des Vereins NEW FRONTIERS und der hier anwesenden Kollegenschaft danke ich also für ihr Kommen, darf noch auf die Party ab 20 Uhr im ‚Fluc’ am Praterstern hinweisen und wünsche umseits einen sehr schönen Rest-Nachmittag. Vielen Dank.

Florian Medicus, Mai 2010